Bühnenbildnerin als Mutter: Wer darf Räume prägen? Mit Evi Bauer

Shownotes

"In dieser Folge von Theaterfrauen spricht Greta Călinescu mit Evi Bauer über Bühnenbild als künstlerische Praxis – und über die Bedingungen, unter denen diese Arbeit entsteht.

Darüber sprechen wir

  • Evis Weg von Kempten über London und München ins Bühnenbild
  • Frauen in Ausbildung, Werkstätten und Theaterpraxis
  • künstlerische Vision, technische Grenzen und Zusammenarbeit
  • Mutterschaft, Reisen und Kinderbetreuung im Theaterbetrieb
  • Gender Pay Gap und familienfreundliche Probenstrukturen
  • Netzwerke, Frauenquote und Tokenismus
  • Bühnenbild zwischen angewandter und freier Kunst
  • Lehre, Umwege und die Suche nach eigenen Themen
  • Selbstvermarktung, Premierenkultur und Karrierechancen

Über die Gästin

Evi Bauer

Eva-Maria „Evi“ Bauer ist Bühnenbildnerin und Professorin für Bühnenraum an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Sie studierte Bühnenbild an der University of the Arts London sowie Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München.

Ihre Bühnenbilder und Szenografien entstanden unter anderem für die Münchner Kammerspiele, das Thalia Theater Hamburg, das Deutsche Theater Berlin, das Maxim Gorki Theater Berlin, das Burgtheater Wien, das Schauspielhaus Zürich und das Theater Basel. 2019 erhielt sie den Hamburger Theaterpreis für das beste Bühnenbild; mehrere Arbeiten wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Theater- und Medienempfehlungen der Folge

  • „Unser Deutschlandmärchen“ nach dem Roman von Dinçer Güçyeter, in der Regie von Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater Berlin
  • „Generation Wealth“, Dokumentarfilm von Lauren Greenfield

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Credits

Moderation: Greta Călinescu

Transkript anzeigen

00:00:00: Musik: [Musik]

00:00:02: Greta Călinescu: Theaterfrauen. Ein Podcast mit Greta Călinescu. Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Theaterfrauen, dem Podcast für mehr Frauen im Theater. Mein Name ist Greta Călinescu und heute ist eine Frau zu Gast, deren Arbeit wahrscheinlich sehr viele von uns schon gesehen haben, auch wenn ihr Name auf dem Premierentableau nicht immer ganz oben steht. Evi Bauer gehört zu den prägendsten Bühnenbildnerinnen im deutschsprachigen Theater. Ihre Räume erzählen Geschichten, lange bevor die erste Figur die Bühne betritt.

00:00:29: Greta Călinescu: Sie entwirft Bühnenbilder für wichtige Häuser im deutschsprachigen Raum: von den Münchner Kammerspielen über das Thalia Theater Hamburg, das Deutsche Theater Berlin und das Maxim Gorki Theater Berlin bis zum Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich, Theater Basel und den Salzburger Festspielen. Ihre Arbeiten wurden mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen, 2019 erhielt sie den Hamburger Theaterpreis für das beste Bühnenbild.

00:00:52: Greta Călinescu: Ausgebildet wurde sie an der University of the Arts London; später studierte sie Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München. Heute steht sie selbst auf der anderen Seite: Als Professorin für Bühnenraum an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bildet sie die nächste Generation von Ausstatterinnen und Ausstattern aus. Darüber und über einiges mehr möchte ich heute mit ihr sprechen. Hallo, Evi.

00:01:18: Evi Bauer: Hallo.

00:01:22: Greta Călinescu: Wir machen in diesem Podcast immer ein kleines Warm-up. Es heißt „Entweder oder“. Ich stelle dir zwei Begriffe gegenüber und du antwortest spontan. Los geht’s. Bist du bereit?

00:01:31: Evi Bauer: Ja.

00:01:33: Greta Călinescu: Entwurf oder Bau?

00:01:35: Evi Bauer: Bau.

00:01:36: Greta Călinescu: Werkstatt oder Probe?

00:01:38: Evi Bauer: Werkstatt.

00:01:46: Greta Călinescu: Schönheit oder Funktion?

00:01:48: Evi Bauer: Beides.

00:01:49: Greta Călinescu: Das war es schon.

00:01:50: Evi Bauer: Nicht so einfach.

00:01:52: Greta Călinescu: Evi, du hast mehrere Professionen. Was würdest du sagen: Bist du in erster Linie Bühnenbildnerin oder Professorin?

00:02:00: Evi Bauer: Wenn du mich fragst, bin ich Bühnenbildnerin. Aber natürlich ist es eine total tolle Sache, unterrichten zu können und eine Klasse zu haben, mit der man arbeiten kann – auch wenn es künstlerische Praxis ist.

00:02:16: Greta Călinescu: Du hast diese Ausbildung selbst durchlaufen. Wie bist du überhaupt dazu gekommen zu sagen: Das ist der Beruf, den ich machen möchte?

00:02:25: Evi Bauer: Mein Ausbildungsweg war sehr verworren. Ich habe in London Bühnenbild studiert, an der University of the Arts. Geboren bin ich in Kempten im Allgäu, an einem Ort, an dem es kein Theater gab. Bei einem Schulausflug sah ich „The Black Rider“. Am nächsten Tag sagte ich zu meiner Mutter: Ich will Bühnenbildnerin werden.

00:02:53: Evi Bauer: Nach dem Abitur habe ich zunächst an der Bayerischen Staatsoper hospitiert und dann in London Bühnenbild studiert. Die englische Art der Szene fand ich damals eher langweilig. Gleichzeitig merkte ich, dass mich das Konstruieren interessierte, und arbeitete beim Film, in der Ausstattung und in unterschiedlichen Bereichen.

00:03:16: Evi Bauer: Nach dem Studium kam ich aus familiären Gründen nach Deutschland zurück. Ich begann an den Münchner Kammerspielen zu arbeiten und schrieb mich parallel für Medienkunst an der Akademie der Bildenden Künste München ein. Während meiner Assistenz arbeitete ich mit Katrin Brack. Als sie Professorin an der Akademie wurde, nahm sie mich mit in ihre Klasse. So bin ich gleichzeitig in der Lehre und im Theater gelandet. Nach der Assistenz begann meine freischaffende Arbeit als Bühnenbildnerin.

00:04:42: Greta Călinescu: Als Frau ist es noch immer nicht selbstverständlich, nach der Ausbildung lange freischaffend zu bestehen. An den Hochschulen studieren sehr viele Frauen Bühnenbild; in der Praxis sieht man dagegen sehr viele Männer. Wann hast du gemerkt, dass es tatsächlich eine Männerdomäne ist?

00:05:25: Evi Bauer: In meiner grundsätzlichen Praxis hatte ich relativ wenig Probleme, weil ich schnell mit vielen Regisseurinnen gearbeitet habe. Besonders merkt man die Unterschiede aber in den Werkstätten. In meiner Anfangszeit um 2010 waren sie fast ausschließlich männlich besetzt. Das verändert sich langsam.

00:06:01: Greta Călinescu: Hast du einen Hebel, um dich zu behaupten, wenn dir in Werkstätten oder von der Bühnentechnik etwas entgegenschlägt, das einem Mann vielleicht nicht entgegenschlagen würde?

00:06:15: Evi Bauer: Einen richtigen Hebel habe ich nicht. Mir fällt eine Bühnenbesichtigung ein, bei der mir zwei Herren aus der Technik immer wieder erklärten, was alles nicht möglich sei: wenig Budget, kein neuer Wald, kein Auto auf der Bühne. Zur Modellabgabe kam ich dann mit einer sehr langen Stretchlimousine, die in einen Wald fährt. Das Bild musste für mich zuerst stimmen.

00:07:02: Evi Bauer: Ich habe es trotzdem durchbekommen, und die Produktion wurde sehr gut. Dem Team bin ich dankbar, dass es nicht sagte: Wir haben dir doch gesagt, dass das nicht geht. Es ist wichtig, sich gegenseitig den Rücken zu stärken. Wenn eine Regisseurin oder ein Regisseur mitkämpft, hilft das sehr.

00:07:50: Greta Călinescu: Du hast drei Kinder. Der Beruf der Ausstatterin ist mit viel Reisetätigkeit verbunden; man ist oft wochenlang an einem anderen Ort. Was können Theater konkret tun, damit Mütter weiterhin am Theater arbeiten können?

00:08:18: Evi Bauer: Das ist ein großes Thema, auch bei meinen Studierenden. Zuerst muss sich das Denken verändern. Man muss für sich entscheiden: Ich will ein Kind, aber ich will meinen Beruf weiterhin ausüben. Im Privaten braucht es Unterstützung durch den anderen Elternteil. Und es muss von Regieteams akzeptiert und bekräftigt werden.

00:09:09: Evi Bauer: Ich hatte das Glück, mit Regisseurinnen zu arbeiten, die mich während Schwangerschaft, Stillzeit und Wochenbett sehr unterstützt haben. In den ersten zwei Jahren konnte ich meine Kinder oft mitnehmen. Manche Häuser halfen mit Kontakten zu Babysitterinnen oder Kinderfrauen. Ein verlässlicher Pool wäre sehr hilfreich, denn man vertraut sein Wichtigstes einer fremden Person an.

00:10:31: Greta Călinescu: Man möchte dafür niemanden völlig Unbekannten aus dem Internet nehmen. Wir haben uns einmal während der Pandemie kennengelernt, als du mit Baby in Nürnberg gearbeitet hast. Wegen der Ansteckungsgefahr saßt ihr in der Tonloge.

00:11:08: Greta Călinescu: All das kostet Geld. Man gibt zusätzlich Geld aus, um den eigenen Beruf machen zu können. Wie ist das im Vergleich zu männlichen Kollegen – Stichwort Gender Pay Gap?

00:11:28: Evi Bauer: Den gibt es natürlich in der Regie, bei Freischaffenden und oft auch bei Festangestellten. Es hat sich etwas getan, aber es ist weiterhin ein schwieriges Thema – auch in der Lehre und eigentlich überall. Da muss sich noch viel verändern.

00:11:50: Greta Călinescu: Hast du das in Verhandlungen schon einmal aktiv angesprochen und gesagt: Danke für das Angebot, aber ich weiß, dass ein Kollege für vergleichbare Arbeit auf derselben Bühne mehrere Tausend Euro mehr bekommen hat?

00:12:07: Evi Bauer: Ich habe es nie angesprochen. Ich hatte immer das Gefühl, trotzdem dahin zu kommen, wo ich hinmöchte. Aber ich kenne natürlich die Honorare von Kollegen. Kinderbetreuung kostet zusätzlich Geld. Ich glaube nicht, dass Väter und Mütter dieselben Kosten tragen. Wenn man in München keinen Kitaplatz bekommt, zahlt man schnell tausend Euro im Monat für eine private Kita. Das ist ungerecht. In Zukunft würde ich es ansprechen; bisher habe ich es nicht getan.

00:12:52: Greta Călinescu: Pay Gap und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beschäftigen mich für meine kommende Arbeit als Intendantin sehr. Was kann eine Theaterleitung konkret tun?

00:13:11: Evi Bauer: Es beginnt bei Gästewohnungen. Viele Häuser haben kaum Kapazitäten oder nur private Wohnungen im Netzwerk. Nicht jede Wohnung ist dafür gemacht, dass eine Mutter mit zwei Kindern dort lebt. Größere Wohnungen sind wiederum teurer. Schon diese Infrastruktur entscheidet mit.

00:13:41: Evi Bauer: Am Anfang lief die Babysitterin mit dem Kind um die Probebühne, bis es zum Stillen gebracht werden musste. Natürlich könnte man sagen: In dieser Zeit arbeite ich nicht. Ich habe den Gender Pay Gap vielleicht damit kompensiert, dass ich überhaupt arbeiten konnte. Nach dem Wochenbett Produktionen in Wien, Berlin oder Zürich zu beginnen, war trotz aller Anstrengung eine magisch aufgeladene Zeit.

00:14:46: Greta Călinescu: Braucht es flexiblere Probenzeiten – nicht nur für Freischaffende, sondern auch für Ensemblemitglieder mit Kindern?

00:15:09: Evi Bauer: Die neue Regelung mit langen Proben ist nicht automatisch familienfreundlich. Am schwierigsten sind für mich Produktionen in der Heimatstadt: morgens die Kinder in Schule und Kindergarten bringen, dann Werkstatt und Probe, wichtige Gespräche in der Kantine verpassen, am Nachmittag wieder zur Betreuung und am Abend erneut los. Das ist auf Dauer nicht zu stemmen.

00:15:58: Evi Bauer: Natürlich ist das überspitzt. Regieteams zeigen oft Verständnis, wenn man nicht bei jeder Abendprobe sein kann. Dann lassen sich Werkstatttermine und Proben anders verteilen. Aber für Schauspielende ist das wegen der Vorstellungen am Abend noch einmal komplizierter. Eine einfache Lösung sehe ich nicht.

00:16:24: Greta Călinescu: Gibt es eine Maßnahme, die Theater sofort umsetzen könnten? Lange Proben sind offenbar nicht die einfache Antwort.

00:16:34: Evi Bauer: Es gibt Ruhezeitverordnungen zwischen Probe und Vorstellung. Wenn man sie einhält, reduziert sich die Probenzeit deutlich. Bühnenbildnerinnen haben etwas mehr Flexibilität, weil wir zwischendurch in die Werkstatt gehen und manchmal auch gehen können. Für Schauspielende ist das viel härter.

00:17:03: Greta Călinescu: Bei all diesen Themen bin ich ähnlich ratlos. Vielleicht muss man familienfreundliche Absprachen stärker verankern. Es ist schwierig, wenn alles von der Gunst der anderen abhängt und man in jeder Probe neu erklären muss, dass man Kinder hat.

00:17:31: Evi Bauer: Und dann ist man in einer fremden Stadt, in der man keinen Kita- oder Kindergartenplatz hat, sondern alles irgendwie organisieren muss.

00:17:37: Greta Călinescu: Auch Arbeitsbeziehungen verändern sich dadurch, dass du Kinder hast und Mutter bist. Da ist das berühmte, Marina Abramović zugeschriebene Zitat: Kinder seien Karrierekiller Nummer eins in der Kunst; eine Frau, die Mutter sei, könne keine Künstlerin sein.

00:17:53: Evi Bauer: Das ist ein fatales Zitat. Leider steckt vielleicht ein Teil der Realität darin, weil es so schwer ist, einen Apparat und seine Strukturen zu verändern. Man kann nur versuchen, es anders zu leben und ein Vorbild zu sein. Meinen Studierenden sage ich: Du kannst alles haben und alles machen – aber du musst dich auf anstrengende Jahre vorbereiten.

00:18:25: Greta Călinescu: Gibt es Netzwerke für Frauen in der Ausstattung, vergleichbar mit dem Regienetzwerk? Einen Ort, an dem man sich dezidiert austauschen kann?

00:18:40: Evi Bauer: Eigentlich nicht. Im Bund der Szenografen gibt es wunderbare Frauen und Austausch. Außerdem haben wir eine kleine privat organisierte Gruppe von Müttern im Fach Bühnenbild. Aber das ist kein richtiges Netzwerk.

00:19:04: Greta Călinescu: Es braucht weiterhin geschützte Räume, um strukturelle Ungleichheiten auszugleichen – jenseits einer WhatsApp-Gruppe. Was sagst du zur Abschaffung der Frauenquote beim Theatertreffen?

00:19:21: Evi Bauer: Ich finde sie zu früh. Die Quote gab es nur für einen begrenzten Zeitraum, und die Zahlen sind weiterhin nicht ausgeglichen. Wenn ich sehe, wie sehr wir an der HFBK um jedes Prozent in Richtung Parität kämpfen, denke ich: Das war viel zu früh. Außerdem betraf die Quote zunächst vor allem die Regie, nicht Bühnen- und Kostümbildnerinnen, Musikerinnen oder Videografinnen.

00:20:06: Greta Călinescu: Ich versuche bei Spielplänen, Autorinnenschaft und Regiehandschriften paritätisch zu besetzen. Gerade bei Autorinnen und besonders bei Komponistinnen ist das unglaublich schwer, weil Teams häufig ihre Leute mitbringen. An welcher Stelle greift man ein?

00:20:38: Evi Bauer: Das ist nicht einfach. Man kann einem Regisseur nicht ohne Weiteres sagen, er müsse statt seiner vertrauten Ausstatterin oder seines Ausstatters jemand anderen mitbringen. Gleichzeitig gibt es viele weitere Quoten und Perspektiven, die berücksichtigt werden müssen.

00:20:53: Evi Bauer: Ich habe für mich verstanden, dass manche Texte und Themen nicht meine sind. Warum sollte ich als weiße deutsche Bühnenbildnerin bestimmte Texte erzählen wollen? Auch da braucht es ein Umdenken. Vielleicht sind Frauen an solchen Stellen manchmal reflektierter und sagen eher: Das ist nicht für mich. Andere gehen mit größerem Selbstbewusstsein heran und sagen: Der Auftrag ist da, ich kann das.

00:21:38: Greta Călinescu: Bei Spielplänen sind die Männer oft zuerst gesetzt. Dann heißt es: Jetzt brauchen wir noch Frauen, am besten eine migrantische und eine junge Stimme. Die verbliebenen Personen sollen plötzlich alle Kriterien zugleich erfüllen, während bei den Männern die Arbeit allein genügt.

00:22:23: Evi Bauer: Ich wurde am Telefon schon gefragt, ob ich eine PoC-Bühnenbildnerin sei. Ich musste sagen: Damit kann ich nicht dienen, das bin ich nicht.

00:22:33: Greta Călinescu: Wie viel Tokenismus müssen wir in einer Übergangsphase vielleicht aushalten, um Sichtbarkeit zu schaffen, aus der später Normalität entstehen kann? Ich bin kein Fan davon, aber Sichtbarkeit entsteht nicht von allein.

00:22:54: Evi Bauer: Ja, total.

00:22:55: Greta Călinescu: Kommen wir zur Lehre. Du hast in London studiert und selbst einen Umweg erlebt. Wie gehst du heute als Professorin mit deinen Studierenden um? Was möchtest du ihnen mitgeben, das dir in deiner Ausbildung gefehlt hat?

00:23:15: Evi Bauer: Ich lehre aus meinem eigenen Werdegang heraus: Umwege erweitern die Aussicht. Deshalb ermutige ich Studierende, Umwege zu gehen. Die gegenwärtige Theaterpraxis übernimmt viel aus der bildenden Kunst; zugleich arbeiten immer mehr bildende Künstlerinnen und Künstler im Theater. Diese Bereiche müssen sich aufeinander zubewegen.

00:24:11: Evi Bauer: Studierende sollen auch in einer Malereiklasse hospitieren und sich fragen dürfen: Bin ich Bühnenbildnerin oder bewege ich mich eher in Malerei oder zeitbezogenen Medien? Ich sage zuerst: Bleib bei deinen Themen. Wenn ein Stück gar nichts mit dir zu tun hat, ist es vielleicht das falsche Stück für dich.

00:24:37: Evi Bauer: Natürlich lernt man im Studium auch, sich mit Stoffen auseinanderzusetzen, die einen zunächst wenig tangieren. Bei jedem Projekt frage ich mich: Was hat das mit mir zu tun? So finde ich meinen Schlüssel. Bühnenbild ist ein angewandter Prozess, wird an einer Kunsthochschule aber als freie bildende Kunst unterrichtet. Dieser Schutzraum ist wichtig; später gibt es ihn kaum noch.

00:25:34: Evi Bauer: Ich sage meinen Studierenden: Unser Ausstellungsraum ist nicht weiß, sondern schwarz. Ich möchte einen Raum sehen, der mich unabhängig von der Regie inspiriert. Nicht nur einen funktionalen Spielort, sondern ein Bild, das dem Text etwas hinzufügt – wie eine Stretchlimousine oder ein rätselhaftes rotes Krokodil am Bühnenrand.

00:26:50: Evi Bauer: Bühnenbild kann zusätzliche Koordinaten liefern, um einen Text zu verstehen. Erst im Zusammenspiel von Text und Raum sieht man ein Stück durch eine bestimmte Brille. Trotzdem werde ich regelmäßig gefragt, ob ich das alles selbst baue. Daran merkt man, wie wenig viele Menschen über Bühnenbild wissen.

00:27:23: Greta Călinescu: Wir haben über das Missverhältnis zwischen weiblich gelesenen Personen in der Ausbildung und in der Praxis gesprochen. Welche Mechanismen begünstigen Männer? Liegt es an zu wenigen Quoten, an männlichen Regiepersonen, die ihre Freunde mitnehmen – an einer Art Buddy-System?

00:27:53: Evi Bauer: Homosoziale Reproduktion heißt das, glaube ich, in den Sozialwissenschaften. Dazu kommt die Entscheidung für Familie. Man bekommt Kinder und ist nicht mehr in derselben Weise verfügbar. Diese Bindung ist bei Müttern häufig tiefer als bei Vätern.

00:28:21: Greta Călinescu: Beobachtest du auch Unterschiede bei Selbstvermarktung und Netzwerken?

00:28:29: Evi Bauer: Natürlich. Das ist nicht mein Thema. Ich habe nicht einmal eine Homepage und nutze Instagram sehr unregelmäßig. Wahrscheinlich müsste man das machen, aber ich merke, dass ich es nicht möchte, weil es nicht der Kern meiner Kunst ist.

00:29:07: Evi Bauer: Es ist manchmal komisch: Man hat viele Bühnenbilder gemacht und trotzdem steht kaum etwas online. Wenn Anfragen kommen, schicke ich lieber mein Portfolio. Mir fehlt der Drang, mich selbst zu vermarkten, und glücklicherweise musste ich das bisher auch nicht stark tun.

00:29:34: Evi Bauer: Meine Studierenden gehören einer anderen Generation an. Einige sind auf Instagram oder TikTok sehr groß und haben sehr viele Follower. Ich kann bisher aber nicht erkennen, ob ihnen das in der Theaterpraxis tatsächlich einen Vorteil bringt.

00:29:54: Greta Călinescu: Würdest du sagen, dass Männer sich besser vermarkten oder stärker netzwerken?

00:30:02: Evi Bauer: Ich fahre am Wochenende nicht zu den Premieren von Kolleginnen und Kollegen und feiere auch nicht auf Premierenpartys. Nach einer Arbeitswoche möchte ich für meine Kinder da sein. Wenn ich unter der Woche unterwegs bin, schaue ich mir dort Theater an. Aber am Wochenende bin ich gern privat. Kollegen, die auf sehr vielen Premieren sind, netzwerken dort natürlich – das ist kein Geheimnis.

00:30:53: Evi Bauer: Die meisten Premieren sind freitags und samstags. Das ist aber auch der Moment, in dem ich abschalten und für meine Familie da sein muss. Ohne drei kleine Kinder ist es vermutlich leichter, oft auf Premieren zu gehen und Netzwerke zu pflegen.

00:31:04: Greta Călinescu: Zum Abschluss spielen wir „Klischee oder Wahrheit“. Netzwerke sind wichtiger als Talent.

00:31:07: Evi Bauer: Das ist kein Klischee.

00:31:21: Greta Călinescu: Das Budget ist immer kleiner als die Vision.

00:31:24: Evi Bauer: Das würde ich so nicht unterschreiben.

00:31:31: Greta Călinescu: Glück spielt für die Karriere eine größere Rolle als Leistung.

00:31:35: Evi Bauer: Manchmal ja, leider.

00:31:36: Greta Călinescu: Männer verhandeln härter.

00:31:38: Evi Bauer: Ich jedenfalls nicht.

00:31:39: Greta Călinescu: Junge Leute wollen mehr Sicherheit als früher.

00:31:41: Evi Bauer: Ja, aber ich glaube, diese Sicherheit ist nicht unbedingt monetär.

00:31:48: Greta Călinescu: Die Kunsthochschule ist progressiver als der Theaterbetrieb.

00:31:51: Evi Bauer: Ja.

00:31:52: Greta Călinescu: Bevor ich mich bei dir verabschiede: Nenne mir bitte noch eine Theaterarbeit, die du in letzter Zeit gesehen hast und die dich begeistert hat.

00:32:07: Evi Bauer: Ganz aktuell würde ich „Unser Deutschlandmärchen“ in der Regie von Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater nennen. Ich hatte das Glück, die Inszenierung beim Theatertreffen zu sehen, und fand sie toll. Auch der Roman von Dinçer Güçyeter ist eine klare Leseempfehlung.

00:32:40: Evi Bauer: Wenn ich einen Dokumentarfilm empfehlen darf: „Generation Wealth“ von Lauren Greenfield. Der Film erzählt auf beeindruckende Weise davon, was Reichtum ist und was er mit Menschen macht.

00:33:03: Greta Călinescu: Vielen Dank, liebe Evi, dass du beim Podcast warst.

00:33:06: Evi Bauer: Vielen Dank. [Musik]

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