„Wer nicht wütend ist, ist nicht weise“: Über neuen Erfolg und die freie Szene. Mit Christiane Rösinger
Shownotes
In dieser Folge von Theaterfrauen spricht Greta Călinescu mit Christiane Rösinger über ihren Weg von der Popmusik zum Theater, die Freiheit des Älterwerdens und die Frage, wer sich ein Leben als Künstlerin noch leisten kann. Die Musikerin, Autorin und Regisseurin erzählt von überraschendem Erfolg, bleibenden Zweifeln und ihrer Lust, im Theater noch einmal neu anzufangen.
Darüber sprechen wir
- den Wechsel von der Popmusik zum Theater und das Gefühl, wieder Anfängerin zu sein
- späteren Erfolg, Selbstzweifel und die Angst, dass niemand kommt
- „The Joy of Ageing“, Alterswut und Älterwerden als Form der Verweigerung
- FOMO, Ausgehen und das Recht, sich nicht mehr an jeder Erwartung abzuarbeiten
- Jugendwahn, Longevity und Altersbilder von Frauen
- Sexismus und Sichtbarkeit in Musik und Theater
- Eitelkeit, Umarmungsrituale und den großen Apparat hinter einer Inszenierung
- gemeinschaftliches Arbeiten am Theater im Unterschied zur Indie-Musik
- Klassismus und die Frage, wer sich prekäre Kulturarbeit leisten kann
- Berliner Kulturkürzungen und ihre Folgen für die freie Szene
- „Klischee oder Wahrheit“ über Alter, Kunst, Geld und Institutionen
Über die Gästin
Christiane Rösinger
Christiane Rösinger ist Musikerin, Autorin, Journalistin und Regisseurin. Sie wurde 1961 in Rastatt geboren, wuchs im nahe gelegenen Hügelsheim auf und zog 1985 nach West-Berlin. Dort studierte sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete am Peter-Szondi-Institut.
1988 gründete sie mit Almut Klotz und weiteren Mitstreiter*innen die Lassie Singers. Nach deren Auflösung rief sie mit Klotz das Label Flittchen Records ins Leben und gründete mit Britta Neander und Julie Miess die Band Britta. Als Solokünstlerin veröffentlichte sie „Songs of L. and Hate“ und „Lieder ohne Leiden“. Zu ihren Büchern gehören „Das schöne Leben“, „Liebe wird oft überbewertet“, „Zukunft machen wir später“ und „The Joy of Ageing“.
Seit 2019 entwickelt Rösinger am HAU Hebbel am Ufer eigene Bühnenarbeiten. Auf „Stadt unter Einfluss – das Musical zur Wohnungsfrage“ folgten „Planet Egalia – Ein feministisches Singspiel“, „Die große Klassenrevue“ und „Leben im Liegen“, bei dem Greta Călinescu Co-Regie führte. Für das Theater Ulm schreibt Rösinger „Die Ehebrecherinnen“, das Greta Călinescu inszeniert.
Theaterempfehlung der Folge
Christiane Rösinger empfiehlt „Perfection“ im wiedereröffneten Prater der Volksbühne Berlin. Anta Recke inszeniert Vincenzo Latronicos Roman „Die Perfektionen“ über ein junges europäisches Paar, das im Berlin der 2010er-Jahre ein scheinbar makelloses Leben kuratiert – bis sich Stadt, Arbeit und Lebensentwurf zunehmend abnutzen.
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Credits
Moderation: Greta Călinescu
Links
- Christiane Rösinger – Instagram
- Christiane Rösinger – offizielle Website
- Christiane Rösinger – Biografie beim HAU Hebbel am Ufer
- „The Joy of Ageing“ – Rowohlt Verlag
- „Stadt unter Einfluss“ – HAU Hebbel am Ufer
- „Die große Klassenrevue“ – HAU Hebbel am Ufer
- „Leben im Liegen“ – HAU Hebbel am Ufer
- „Perfection“ – Volksbühne Berlin
- „Die Ehebrecherinnen“ – Theater Ulm
- Greta Călinescu – Theater Ulm
- Greta Călinescu – Instagram
Transkript anzeigen
00:00:00: Theaterfrauen. Ein Podcast mit Greta Călinescu.
00:00:06: Herzlich willkommen zu Theaterfrauen. Ein Podcast von, für und über Frauen am Theater.
00:00:12: Mein Name ist Greta Călinescu und ich freue mich sehr, meine heutige Gästin zu begrüßen.
00:00:16: Sie hat eigentlich schon mehrere Künstlerinnenleben hinter sich und zum Glück offenbar überhaupt keine Lust, damit aufzuhören.
00:00:22: Christiane Rösinger ist Musikerin, Autorin und seit vielen Jahren eine der eigenwilligsten Stimmen der deutschen Popkultur.
00:00:28: Mit den Lassie-Singers und später Britta hat sie Musikgeschichte geschrieben, als Solo-Künstlerin weitergemacht, Bücher veröffentlicht und dann kam irgendwann auch noch das Theater dazu.
00:00:37: Und genau das interessiert mich heute. Was passiert, wenn Erfolg noch einmal kommt, in einem Alter, in dem einem generell gerne erzählt wird, man müsse längst irgendwo angekommen sein?
00:00:46: Ist später Erfolg vielleicht schöner? Was bedeutet Älterwerden für eine Künstlerin und unterscheidet sich das im Theater eigentlich von der Musik?
00:00:54: Wir sprechen aber auch über etwas sehr Konkretes. Geld. Über Berlin, über Förderanträge und die freie Szene, über prekäre Arbeit und die Frage, wer es sich heute überhaupt noch leisten kann, Künstlerin zu sein.
00:01:05: Und darüber, was mit einer Stadt passiert, wenn genau die Menschen, die ihre Kultur geprägt haben, irgendwann nicht mehr in ihr Leben und arbeiten können.
00:01:13: Also Musik, Theater, Alter, Erfolg, Geld und vermutlich ein bisschen schlechte Laune über die Kulturpolitik.
00:01:20: Herzlich willkommen, Christiane Rösinger.
00:01:22: Hallo Christiane.
00:01:27: Hallo Greta.
00:01:29: Schön, dass du mich bei meinem Podcast besuchst. Ich freue mich sehr, dass du da bist.
00:01:32: Wir beginnen mit einem kleinen Spiel und das Spiel heißt Entweder oder. Ich stelle dich vor die Wahl und du entscheidest.
00:01:40: Ich bin gespannt.
00:01:41: Theater oder Konzert?
00:01:43: Ich bin ja schon gut am Theater.
00:01:46: Premiere oder Plattenrelease?
00:01:48: Premiere.
00:01:49: Proberaum oder Probebühne?
00:01:51: Probebühne.
00:01:52: Wow.
00:01:53: Regisseurin oder Produzentin?
00:01:55: Regisseurin.
00:01:56: Feuilleton oder Publikum?
00:01:59: Publikum.
00:02:00: Erfolg oder Freiheit?
00:02:01: Beides.
00:02:02: Förderantrag oder Steuererklärung?
00:02:04: Steuererklärung.
00:02:07: Berlin 95 oder Berlin heute?
00:02:10: Berlin 95.
00:02:12: Jung und unbekannt oder älter und erfolgreich?
00:02:15: Älter und erfolgreich.
00:02:17: Altersweisheit oder Alterswut?
00:02:20: Das Gleiche. Ist das Gleiche.
00:02:22: Widerspricht sich nicht.
00:02:24: Wer nicht wütend ist, ist nicht weise.
00:02:26: Hoffnung oder schlechte Laune?
00:02:30: Hoffnung.
00:02:31: Sehr schön.
00:02:32: Liebe Christiane, vielen Dank, dass du bei diesem Spiel mitgemacht hast.
00:02:36: Es war interessant.
00:02:37: Ich könnte noch stundenlang weitermachen.
00:02:39: Ja, mir macht das auch Spaß.
00:02:40: Es erzählt auch viel über die Leute immer.
00:02:42: Ich komme gleich mal zurück zu Jung und unbekannt oder älter und erfolgreich.
00:02:47: Du warst nur ganz kurz Jung und unbekannt.
00:02:49: Du bist ja schnell auch bekannt geworden.
00:02:51: Allerdings in einer Branche, die jetzt nicht das Theater ist, sondern in der Musik.
00:02:56: Das hängt natürlich immer zusammen.
00:02:57: Ja, ich habe ja gerade mit Erstaunung gemerkt bei deinen Fragen eben, dass ich mich immer für das Theater entschieden habe.
00:03:06: Aber es ist eben auch biografisch erklärbar, dass ich halt 30 oder 40 Jahre in der Popmusik, im Indie-Popmusik-Geschäft war.
00:03:18: Und es steht mir bis hier oben, es interessiert mich nicht mehr.
00:03:22: Es ist zwar traurig, dass mich Musik nicht mehr so interessiert, aber letztendlich ist es auch folgerichtig.
00:03:30: Und das Theater ist eben für mich das neuere Genre, obwohl es natürlich viel älter ist.
00:03:34: Aber ich mache noch nicht so lange Theater.
00:03:37: Vielleicht bin ich auch noch nicht so desillusioniert und sehe das alles noch ganz positiv.
00:03:43: Theater ist ja auch was Schönes.
00:03:45: Es ist ja kein später Erfolg, es ist einfach ein neuer Erfolg.
00:03:48: So könnte man das eigentlich sagen, oder?
00:03:50: Ja, aber früher hat mich das Theater überhaupt nicht interessiert.
00:03:53: Ich habe sogar mal ein Semester Theaterwissenschaft studiert und habe immer gedacht, ich muss doch mal ins Theater gehen.
00:04:00: Und dann bin ich einmal im Jahr gegangen und ich war immer enttäuscht.
00:04:03: Und dann hast du auf einmal selber Theater gemacht.
00:04:06: Und wie ist es für dich, in einer neuen Branche ja irgendwie wieder fast Anfängerin zu sein?
00:04:11: Ich kam dann eigentlich dazu, weil ich halt als Musikerin ein paar Mal gefragt worden bin, ob ich bei Theaterstücken mitmache.
00:04:19: Und da habe ich schon immer gedacht, ich könnte es viel besser als die anderen, also als die Regisseure.
00:04:25: Aber mir hat es so gefallen, der ganze Prozess hat mir so gefallen.
00:04:31: Von den Häusern her bis zu der Zeit.
00:04:33: Und das Geld darf man halt auch nicht vergessen.
00:04:35: Man jammert ja immer so viel, dass Theater halt so sparen müssen.
00:04:38: Und das stimmt ja auch in der freien Szene noch mehr.
00:04:41: Aber in die Musik ist ja gar kein Geld.
00:04:45: Da braucht man ja Geld, um überhaupt was machen zu können.
00:04:49: Also man verdient ja überhaupt nichts.
00:04:51: Man wird auch nicht bezahlt.
00:04:52: Das hat mir eben am Theater alles gut gefallen.
00:04:56: Du hast ja vor allem am Hebbel am Ufer dann als Regisseurin, Autorin und Performerin gewirkt.
00:05:01: Du hast da vier Stücke gemacht.
00:05:04: Ja.
00:05:04: Eins, da durfte ich mitmachen als deine Co-Regisseurin.
00:05:06: Das war eine sehr schöne Erfahrung.
00:05:08: Würdest du sagen, dass man mit 60 besser daran ist, Erfolg einzuordnen als, sagen wir, mit 30?
00:05:16: Irgendwie glaube ich, dass sich gar nicht so sehr viel verändert.
00:05:19: Das ist halt, also der Erfolg auf der Theaterbühne kam für mich ziemlich überraschend,
00:05:25: weil mich halt die Dramaturgin vom HAU für ein Stück gefragt hat.
00:05:29: Und zwar war das ein mietenpolitisches Musical.
00:05:33: Und das wurde dann Erfolg.
00:05:34: Und dann haben wir ein zweites Stück gemacht.
00:05:37: Da ging es um Gender und Geschlechteridentitäten und Trans und so weiter.
00:05:44: Und dann haben wir ein drittes Stück gemacht, die Klassenrevue,
00:05:47: was dann auch mehrfach eingeladen wurde und auch zu Festivals.
00:05:52: Und eben das vierte Stück, das du ja kennst.
00:05:55: Und ich bin wie so eine Veranstalterin.
00:05:57: Ich habe jedes Mal Angst, dass es halt nicht gut wird und dass keiner kommt.
00:06:01: Und wir hatten immer gute Kritiken und es war immer ausverkauft.
00:06:04: Aber ich habe nicht damit gerechnet.
00:06:07: Also nicht Fishing-for-Kompliments-mäßig.
00:06:10: Und bei der Musik war es ja immer so, dass man bei jeder Platte seit 1991 denkt,
00:06:15: jetzt kommt der Durchbruch.
00:06:17: Jetzt schaffe ich es.
00:06:18: Jetzt.
00:06:19: Oder bei jedem Buch.
00:06:20: Und es ist halt immer so gewesen, dass es gut besprochen wurde und durchaus auch Erfolg war.
00:06:28: Aber der Durchbruch an sich blieb halt aus.
00:06:32: Und so ist es eigentlich eine Linie bis heute geblieben.
00:06:35: Du hast ja jetzt auch am 17. April diesen Jahres ein Buch veröffentlicht über das Älterwerden.
00:06:41: The Joy of Ageing im Rowohlt Verlag.
00:06:43: Empfehlung an alle Hörer und Hörerinnen.
00:06:45: Das kann man aber auch ab 40 schon mit Gewinn lesen.
00:06:49: Ich glaube auch.
00:06:49: Ich habe es nämlich mit 38 auch schon mit großem Gewinn gelesen und sehr gefeiert.
00:06:53: Es geht ja ein bisschen darum, was auch das Schöne am Älterwerden sein kann.
00:06:57: Dass man nicht mehr so mithalten muss, dass man gelassener werden kann.
00:07:01: Ja, aber nicht so als Lifestyle-Tool.
00:07:05: Lifestyle-Tool, um besser zurechtzukommen, sondern auch als Art der Verweigerung.
00:07:11: Das ist das Wichtige dran.
00:07:12: Punk.
00:07:12: Wir sind der Welt egal.
00:07:14: Wir sind alte Leute.
00:07:15: Dann kann es uns auch egal sein.
00:07:17: Wir machen endlich, was wir wollen.
00:07:18: Wir müssen uns nicht mehr um Zuschreibungen kümmern.
00:07:22: Und gerade als Frau müssen wir auch nicht mehr gut oder jung oder besser oder schöner aussehen.
00:07:29: Sondern wir sehen aus, wie wir wollen.
00:07:31: Und wir machen uns frei von dieser Konkurrenz.
00:07:34: Also natürlich soll auch The Joy of Ageing, der Titel ist auch ironisch gemeint.
00:07:40: Also es gibt schon auch Nachteile.
00:07:43: Nicht, dass der Eindruck entsteht, ich will mir alles schön reden.
00:07:46: Verändert sich auch etwas, wenn man als Künstlerin älter wird?
00:07:50: Na ja, landläufig denkt man immer, als Künstlerin wirst du mehr nach dem Äußeren beurteilt.
00:08:00: Wenn du nicht mehr jung und ganz schön bist, dann wollen dich die Leute nicht sehen.
00:08:04: Aber bei mir ist es eigentlich nicht so.
00:08:06: Ich kann jetzt nicht sagen, dass bei mir irgendwie die Leute, dass mir das Publikum abhanden gekommen ist.
00:08:13: Was natürlich auch daran liegt, dass ich jetzt nicht so sehr auf Sex und Body gesetzt habe.
00:08:20: Die ja vergehen, also die vergehen nicht, aber die verändern sich.
00:08:25: Sondern eher so auf Inhalt.
00:08:28: Aber es ist auch so, dass auch die Leute mit einem älter werden.
00:08:34: Und sich einfach daran freuen und die alten Sachen noch gerne hören.
00:08:38: Und dass glücklicherweise auch Jüngere nachkommen.
00:08:43: Also so, dass man mit dem Alter weniger gesehen wird oder so.
00:08:49: Das kenne ich überhaupt nicht.
00:08:50: Aber ich kenne das von anderen und zwar auch von Männern.
00:08:54: Dass halt ab einem gewissen Alter gilt man halt als nicht mehr so interessant.
00:09:01: Man wird weniger eingeladen.
00:09:03: Und natürlich ist es auch im Theater so.
00:09:07: Also in der freien Szene, aber auch in den Häusern, festen Häusern, ist es ja so.
00:09:15: Und es ist auch richtig so, dass man auf diversere jüngere Leute und Akteure, Akteurinnen setzt.
00:09:23: Das ist auch richtig so.
00:09:24: Aber ich bin halt eine alte, weiße Frau.
00:09:27: Also, aber warum soll man Probleme herbeireden, die jetzt im Moment nicht da sind?
00:09:32: Also du würdest sagen, du bist nicht unsichtbarer, aber unangreifbarer vielleicht?
00:09:37: Ja, mir ist es auch so ein bisschen egal.
00:09:40: Also das schreibe ich auch in meinem Buch, dass ich dann schon meine Zweifel habe.
00:09:44: Oh, ich kriege doch nichts hin.
00:09:45: Also es bleibt ja ein Leben lang.
00:09:46: Es gibt ja Leute, die denken, fantastisch, was ich jetzt wieder geschaffen habe.
00:09:51: Zu denen gehöre ich nicht.
00:09:52: Und es gibt halt Leute, die bis zum Schluss denken, es wird alles ganz furchtbar und schlecht.
00:09:57: Das ist immer noch da.
00:09:58: Aber also in dem Buch beschreibe ich dann, wie ich mir selber zurede und sage, den Scheiß, den du bei anderen gesehen hast, kriegst du auch noch hin.
00:10:07: Also würdest du auch sagen, du bist mutiger geworden, weil dir bestimmte Dinge egaler geworden sind?
00:10:11: Mutig weiß ich nicht.
00:10:12: Ich bin schon immer, ich habe schon immer viele Zweifel und auch so im Team und so frage ich immer, wie findet ihr das und so.
00:10:22: Kann ich bestätigen.
00:10:23: Ich weiß nicht, ob ich mutiger geworden bin.
00:10:25: Vielleicht, vielleicht schon, vielleicht schon.
00:10:28: Also dass man Zweifel hat, würde ich ja nicht, da würde ich nicht sagen, dass das dann gleich bedeutet, dass man nicht mutig ist oder mutlos ist.
00:10:35: Das ist ein Prozess.
00:10:36: Was ist denn das Beste am Älterwerden?
00:10:39: Oh je, so direkt kann man das gar nicht sagen.
00:10:42: Ich kann dir sagen, was das Schlechteste ist, dass plötzlich viele Leute, dass du das alte Medium Facebook aufmachst und nur noch Todesanzeigen siehst.
00:10:53: Oh je.
00:10:53: Weil viele Leute aus deinem Alter, so Weggefährten oder Leute, die ich halt in den 80ern in Berlin gekannt habe, plötzlich sterben. Das ist halt echt traurig.
00:11:05: Das Gute daran ist so diese Ungehetztheit oder schon so eine Abgeklärtheit.
00:11:10: Also lasst mich doch alle in Ruhe, macht doch alle, was ihr wollt.
00:11:13: Ich muss doch da nicht mitmachen.
00:11:15: Und wenn es jetzt halt nicht geht, dann mache ich halt was anderes.
00:11:19: Weißt du, so irgendwie.
00:11:21: Ist dir das Phänomen FOMO vertraut?
00:11:23: Also dieses Fear of Missing Out?
00:11:25: Also ich habe das nicht.
00:11:26: Ich habe das auch, glaube ich, nie wirklich gehabt, dass man so Angst hat, was zu verpassen.
00:11:32: Und dann hattest du das mal und hast du es abgelegt oder hast du es immer noch oder hattest du es nie?
00:11:36: Wie ist das da bei dir?
00:11:38: Also das Wort wurde ja früher nicht benutzt.
00:11:41: Das ist relativ neu.
00:11:43: Und ich war früher extrem ausgehfreudig.
00:11:47: Also ich glaube bis Corona fast.
00:11:49: Also bestimmt bis ich über 50 war.
00:11:51: Und ich bin immer gerne ausgegangen und auf jedes Konzert.
00:11:55: Und ich habe Leute verachtet, die zu Hause geblieben sind.
00:12:01: Und ich habe Artikel geschrieben.
00:12:03: Und Kolumnen: Da bleiben schon die 30-Jährigen daheim.
00:12:07: Und die 35-Jährigen gehen lieber essen.
00:12:10: Und ich war immer voller Erwartungen.
00:12:12: Ich dachte immer, lernt man jemanden kennen?
00:12:15: Und tut sich ein neues Projekt auf?
00:12:17: Oder man verliebt sich?
00:12:19: Oder was weiß ich.
00:12:20: Ich bin mir selber heute rätselhaft.
00:12:23: Und das ist völlig weg.
00:12:25: Ich war auch so in Urlaub und so.
00:12:27: Und als ich dann wieder zurückgekommen bin, habe ich mir gesagt, das kann jetzt nicht so weitergehen.
00:12:32: Wozu wohnst du überhaupt in Berlin, wenn du jeden Abend daheim hockst?
00:12:36: Das hat sich dann so eingebürgert, dass ich nur noch zu Sachen gegangen bin von Freunden.
00:12:41: Und dann noch auf die Partys gegangen bin nach der eigenen Premiere.
00:12:45: Und da muss man schon auch im Alter dagegen angehen.
00:12:48: Ich habe mir dann gleich den Odyssee-Film angeguckt.
00:12:52: Und ich gehe jetzt wieder öfter raus.
00:12:55: Rausgehen muss man.
00:12:57: Gibt es Altersbilder von Frauen, die dich besonders nerven?
00:13:01: Wenn ja, welche?
00:13:02: Das ist halt so schwierig, weil man will ja nicht über andere herziehen.
00:13:06: Weil ich bin ja wirklich woke geworden im Alter.
00:13:10: Und ich sage ja auch, jeder Weg ist gangbar.
00:13:13: Wenn jetzt jemand denkt, viel Botox und Operationen bringen's, dann sollen sie es halt machen.
00:13:19: Also ich finde es auch blöd, darüber jetzt große Worte zu verlieren und so.
00:13:24: Sagen wir mal so, dieses Ding, dass man ab einem gewissen Alter sich auch auf eine gute Art gehen lassen kann
00:13:31: und nicht mehr mitmachen muss.
00:13:32: Das hat Madonna dann ein bisschen zerstört.
00:13:35: Die ist ja jetzt 70, glaube ich.
00:13:37: So was, ja.
00:13:39: Das fing ja schon mit 60 an, dass das so gefeiert wurde, dass die halt so elastisch aussieht wie eine 35-Jährige.
00:13:47: Und da dachte ich, das ist doch irgendwie blöd.
00:13:50: Lass uns doch einfach in Ruhe alt werden.
00:13:53: Wir müssen doch nicht alle um drei aufstehen und Yoga machen und so dünn sein.
00:13:58: Und so, das hat mich so ein bisschen, das hat mich daran genervt.
00:14:00: Und was mich halt auch nervt, ist dieses Longevity.
00:14:04: Also du sollst jetzt nicht nur alt werden, du sollst jetzt auch noch erfolgreich altern oder wenig altern oder nicht altern oder halt total jung aussehen.
00:14:14: Und das nervt mich halt auch.
00:14:16: Ich denke: Lasst uns alle in Ruhe.
00:14:19: Ist das Theater besser oder schlechter darin, ältere Frauen sichtbar zu machen als jetzt Musikbranche oder Popmusik?
00:14:28: Ja, ich glaube, es ist ein bisschen besser darin, wobei Schauspielerinnen ja auch immer beklagen, dass sie keine Rollen bekommen.
00:14:36: Die Musikbranche an sich ist halt eine höchst sexistische Branche.
00:14:41: Und ich weiß, da werden immer Leute sagen, es gibt doch so viele Sängerinnen und bla bla bla.
00:14:48: Aber es ist eben so.
00:14:50: Das könnt ihr mir glauben.
00:14:51: Und es gibt immer noch viel weniger Frauen als Männer und es sitzen immer noch Männer in den entscheidenden Stellen.
00:15:02: Und die ganze Popmusik fußt eigentlich auf Sexismus.
00:15:07: Und Theater ist auch sexistisch.
00:15:10: Die Welt ist halt sexistisch.
00:15:11: Es gibt ja auch genug Beispiele von schrecklichen Regisseuren und Frauen, die gerne nackt auf Stöckelschuhen über die Bühne gejagt werden und so.
00:15:24: Die gibt es jetzt auch.
00:15:25: Von daher hält sich das wahrscheinlich die Waage.
00:15:28: Ich glaube, es gibt so wie so ein, ich nenne es mal das Rollenloch.
00:15:31: Also irgendwann mal ist man halt, man ist entweder so die junge Geliebte oder die Mutter, Großmutter, Weise, die Amme.
00:15:39: Es gibt so wenig dazwischen.
00:15:40: Ja.
00:15:41: So Rollen für, ich sage mal, Mitte 30 bis Anfang 50 ist irgendwie wenig.
00:15:46: Ja.
00:15:46: Und es gibt ja dann, oder man wird eiskalt mit 40 schon als Mutter besetzt.
00:15:50: In den Filmen wird man doch mit 26 schon als Mutter besetzt.
00:15:55: Ja, ja, aber dann von gleichaltrigen Kolleginnen oder Kollegen, die dann die Söhne spielen oder so.
00:15:59: Also das ist dann ja auch gerne mal.
00:16:02: Wo gibt es mehr Eitelkeiten, frage ich mich?
00:16:04: In der Musik oder im Theater?
00:16:06: Schauspiel.
00:16:07: Im Schauspiel.
00:16:08: Ja, ganz eindeutig.
00:16:09: In meinem aktuellen Stück, das du ja auch kennst, gibt es mal einen Vergleich, wer denn die Unangenehmsten unter den Künstlern sind.
00:16:20: Und dann sage ich, ja, die Schriftsteller sind wahnsinnig unangenehm, ne?
00:16:24: Die sind von Neid zerfressen.
00:16:26: Und die Musiker und Schauspieler sind zwar nicht die Allerklügsten, wird dann gesagt, aber da ist dann wenigstens so was wie eine Freude am Spiel da oder auch so eine Gemeinschaft.
00:16:41: Man braucht ja auch die anderen dafür.
00:16:44: Und die Künstler sind dann die Allerschlimmsten.
00:16:46: Ich glaube schon, wie das Aussehen, die Äußerlichkeiten und so.
00:16:51: Ich glaube schon, dass das auch im Theater eine größere Rolle spielt.
00:16:55: Was war dein größter Kulturschock, als du das erste Mal Theater gemacht hast?
00:16:59: Ja.
00:17:00: Oder anders?
00:17:01: Was gibt es nur am Theater, was vielleicht für Musiker...
00:17:03: Umarmerei. Die sind ständig.
00:17:06: Oh ja.
00:17:07: Aber ich habe auch gesagt, es wurde dann bei Corona besser, weil man sich dann nicht so nahe kommen durfte.
00:17:15: Und dann dachte ich mal: Bei so einer Produktion sind ja 30 Leute.
00:17:20: Und wenn die sich alle gegenseitig umarmen müssen.
00:17:23: Ich bin ja keine Mathematikerin.
00:17:24: Und daraufhin, das kam in dem Sargnagel-Buch vor, hat mir ein wirklicher Mathematiker das dann ausgerechnet, so eine Formel.
00:17:34: Das sind doch über 900.
00:17:36: Ist das, glaube ich, die Fibonacci-Reihe, die man da bemühen muss?
00:17:40: Oder Fakultät? Ich weiß es nicht mehr.
00:17:41: Ich habe keine Ahnung.
00:17:42: Auf jeden Fall.
00:17:43: Ich habe es völlig falsch ausgerechnet.
00:17:46: Aber das hat mich wahnsinnig genervt.
00:17:49: Und ich hatte schon immer was gegen die Bussi-Gesellschaft.
00:17:52: Ich finde es auch in Ordnung, so Hallo zu sagen.
00:17:54: Ein freundliches Hallo in der Runde.
00:17:57: Und dann habe ich aber gemerkt, oh Gott, es wird einfach erwartet.
00:18:01: Und wenn du dann nicht mitmachst und die anderen nicht umarmst, dann bist du irgendwie verklemmt oder verhaltensgestört.
00:18:09: Ich mache es jetzt einfach.
00:18:11: Ich mache es jetzt und denke nicht so drüber nach.
00:18:13: Da hat dich die Bussi-Bussi-Gesellschaft eingeholt.
00:18:15: Und meine Begegnung mit dem Theater, das war ja schon früher.
00:18:21: Und das hat mir aber manchmal auch gefallen.
00:18:23: Das fast Beamtenhafte oder vielleicht Behördenhafte.
00:18:28: Der Pförtner oder der Apparat oder so.
00:18:32: Das hat mir irgendwie gut gefallen.
00:18:35: Also die Struktur, das war im Gegensatz zu Indie-Musik.
00:18:39: Gab es da Regeln und Verantwortlichkeiten und so.
00:18:42: Das war so ein positiver Schock.
00:18:45: Das ist ja ein unglaublicher Apparat mit ganz feinen Rädchen.
00:18:49: Und jeder ist so ein kleines Rädchen.
00:18:51: Und jeder ist aber so wahnsinnig spezifisch für so einen wahnsinnig spezifischen Aufgabenbereich zuständig.
00:18:57: Und ich weiß ja, dass du, als du noch auf Tour gegangen bist, also als Musikerin auf Tour gegangen bist,
00:19:03: ich meine, du hast den Tourbus gepackt und bist halt losgefahren mit deiner Band.
00:19:06: Ihr habt alles selber aufgebaut und so weiter.
00:19:08: Oder ist es das, was es vielleicht wirklich nur am Theater gibt, was für Musikerinnen vollkommen absurd ist?
00:19:13: Oder gibt es da noch anderes?
00:19:14: Also im Theater finde ich schon, dass es anders ist, weil jeder trägt zum Erfolg des Stückes bei.
00:19:23: Und das hört sich halt so klischeehaft an.
00:19:27: Und das hat man vielleicht schon oft gelesen.
00:19:28: Aber das habe ich halt wirklich erfahren.
00:19:30: Der Bühnenmann, die Bühnenfrau hat die Bühne gebaut.
00:19:34: Und wenn das Stück gut wird, dann ist es auch ihr Erfolg.
00:19:38: Und die Kostüme und der Ton und die Gewerke und alles.
00:19:42: Und das gibt es halt in der Musik nicht.
00:19:44: Und dass da auch so verschiedene Leute zusammenkommen.
00:19:49: Verschiedene Berufe, auch verschiedene Ausbildungen.
00:19:52: Und dass nicht alle das Gleiche studiert haben, nicht alle so ganz bürgerlich sind.
00:19:58: Das finde ich schon einen großen Unterschied.
00:20:01: Und bei der Musik hast du halt deine Band.
00:20:04: Früher haben wir alles selber gemacht.
00:20:06: Jetzt hat ja jede Popelband schon einen Manager.
00:20:08: Tourmanager.
00:20:11: Tourmanager.
00:20:12: Da kommen keine 100 Leute, brauchen einen Tourmanager.
00:20:15: Aber was soll's.
00:20:18: Theater ist schon eher mehr so ein Kunstwerk, was so zusammen erschaffen wurde.
00:20:23: Und das ist auch das Interessante daran, finde ich.
00:20:25: Du hast ja vorher schon gesagt, naja, man verdient in der Musikbranche nichts.
00:20:29: Und eins deiner Themen, über die du so schreibst und mit denen du dich so beschäftigst, ist ja auch Klassismus.
00:20:36: Und wir sprechen in der Kultur wahnsinnig gerne über Kunst, aber ziemlich ungern darüber, wer sie sich eigentlich leisten kann.
00:20:43: Das ist ja nicht nur das Leisten, das ist ja auch, wer geht denn schon ins Theater?
00:20:48: Das ist ja auch, bestimmte Leute gehen ja auch nur ins Theater.
00:20:53: Und ich war da sehr froh, dass das halt zu meinen Stücken dann auch Leute gekommen sind, die sonst nicht ins Theater gehen.
00:21:01: Oder dass eben gesagt wurde, wenn Theater so wäre wie bei dir, dann würde ich jeden Tag gehen.
00:21:06: Wobei ich nichts gegen sehr verkünstelte, verkopfte Sachen habe.
00:21:11: Die muss es auch geben. Es hat ja alles seine Berechtigung.
00:21:14: Aber ich finde, man könnte es auch ein bisschen öffnen.
00:21:17: Ich finde ja, die große Kunst bei deinen Stücken ist ja immer, dass du sehr komplexe Themen auch lustig und nicht dogmatisch aufbrichst,
00:21:26: dass die eigentlich jeder verstehen kann. Das mag ich ja.
00:21:28: Also das ist ja wirklich niederschwellig und dann gibt es noch Musik und tolle Leute auf der Bühne, inklusive dir.
00:21:34: Das macht schon immer großen Spaß, finde ich.
00:21:36: Ich glaube, das Schlimmste wäre für mich, wenn sich die Leute langweilen würden.
00:21:41: Ich habe einen großen Willen zur Unterhaltung.
00:21:44: Und das hat ja nicht jeder. Es gibt ja auch Leute, die sagen, ich mache jetzt was und das ist super.
00:21:51: Und wir haben das Beste draus gemacht.
00:21:53: Und Publikum: friss oder stirb.
00:21:55: Das ist ja auch eine Herangehensweise.
00:21:57: Also aber für mich persönlich, ich sehe mich schon so als Unterhalterin ein bisschen.
00:22:03: Und jetzt mal die andere Seite von Geld.
00:22:06: Wird prekäre Arbeit deiner Meinung nach in der Kultur romantisiert?
00:22:10: Das können sich ja immer nur bestimmte Leute leisten, überhaupt prekär zu arbeiten.
00:22:15: Also du siehst ja das am Theater.
00:22:17: Da gibt es ja kaum Leute, die nicht aus dem Bürgertum kommen, wo die Eltern nicht studiert haben.
00:22:24: Gibt es ja kaum.
00:22:25: Also jemand, der halt Arbeitereltern hat oder so, der wird jetzt nicht denken,
00:22:31: ich mache jetzt halt so ein Praktikum oder zwei und dann studiere ich noch was.
00:22:36: Oder mache ich noch ein Praktikum.
00:22:37: Weil du ja eher drauf auch erzogen bist, so wie du erzogen und groß geworden bist.
00:22:46: Du musst auf eigenen Beinen stehen, du musst Geld verdienen und du hast halt auch keinen Rückhalt im Hintergrund.
00:22:52: Und auch wenn viele Leute sagen, ja, ich habe aber nie was gekriegt von meinen Eltern.
00:22:58: Und ach, das Erbe, das dauert doch.
00:23:00: Es ist trotzdem da.
00:23:01: Es gibt ja trotzdem eine Bestätigung.
00:23:03: Und ich bin in meinem Umfeld eine der wenigen, die nicht aus dem Bildungsbürgertum kommen.
00:23:10: Wie heißt der Chef von der Schaubühne?
00:23:12: Thomas Ostermeier.
00:23:14: Ja, der ist, glaube ich, Polizistensohn.
00:23:17: Der ist, also es gibt dann auch Ausnahmen.
00:23:19: Ja, Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
00:23:22: Man sagt ja auch immer dieses Bild, Künstlerinnen brauchen eben wenig, Hauptsache Freiheit.
00:23:26: Es ist ein relativ perfides Narrativ eigentlich.
00:23:30: Also es ist dumm.
00:23:31: Ich habe wenig Konsumwünsche.
00:23:34: Ich brauche jetzt nicht unbedingt wahnsinnige Klamotten oder Ferienhäuser oder sonst was.
00:23:42: Aber so wie es im Moment aussieht, reicht es halt nicht zum Überleben, weil halt in Berlin auch die Kultur so gekürzt wird.
00:23:50: Was passiert gerade mit der freien Szene in Berlin vor allem?
00:23:53: Also ich kann jetzt ein Beispiel sagen.
00:23:56: Du hast es ja auch erwähnt.
00:23:57: Ich hatte vier Stücke am HAU und die waren alle sehr erfolgreich.
00:24:00: War immer ausverkauft, gute Kritiken.
00:24:03: Die Förderung ist einfach abgesagt worden.
00:24:05: Also ich habe einen Antrag gestellt.
00:24:08: Für ein fünftes Stück.
00:24:09: Für ein neues Stück.
00:24:11: Abgelehnt.
00:24:11: Und da kann man immer rausfinden, warum.
00:24:14: War der Antrag nicht gut oder so.
00:24:17: Aber es gibt weniger Geld und es wurde zu viel Geld beantragt.
00:24:22: Ja.
00:24:23: Und dann gibt es halt noch andere Töpfe, aber die sind kleiner.
00:24:29: Und meine Produktionen stehen halt dafür, dass viele Leute mitmachen.
00:24:33: Das heißt viele.
00:24:34: Fünf und eine Band halt oder so.
00:24:37: Also ich kann mich jetzt nicht beliebig verkleinern, weil es wurde ja der Begriff des neuen Volkstheaters geprägt.
00:24:45: Und dazu braucht man halt so eine Maschinerie eben.
00:24:48: So einen Chanson-Soloabend kann ich aber anders machen.
00:24:53: Und es ist ja auch irgendwo deine Kompanie.
00:24:55: Die steht ja auch für dich und du für sie.
00:24:57: Weil wir als Gruppe auftreten.
00:24:59: Und dann ist es halt so, dass das wenige Geld, was es jetzt noch gibt, da streitet sich niemand drum.
00:25:08: Man tut so, als ob man solidarisch wäre.
00:25:11: Aber letztendlich fragt man sich dann auch: Wieso haben die das gekriegt und warum kriegt … [unverständlich].
00:25:15: Weißt du, das kriegt immer einer.
00:25:17: Aber die haben halt eine andere Struktur.
00:25:19: Die haben ein Büro.
00:25:20: Die machen das schon seit 20 Jahren.
00:25:23: Und unsere kleine Gruppe, die ist so ein bisschen vor den Kopf gestoßen.
00:25:27: Macht ein Fördersystem Kunst irgendwann auch konformer?
00:25:33: Bis jetzt noch nicht.
00:25:34: Also wenn du dir das so anguckst: die ärgsten antikapitalistischen Stoffe.
00:25:38: Die linkesten Regisseure schreiben und schreien es in die Welt hinaus.
00:25:44: Der Kapitalismus gehört abgeschafft.
00:25:47: So war es bis jetzt.
00:25:49: Ob das was gebracht hat, ist eine andere Frage.
00:25:51: Jetzt mit dem neuen Kulturstaatsminister.
00:25:54: So neu ist der auch nicht mehr.
00:25:56: Aber du weißt ja, wen ich meine.
00:25:58: Vielleicht soll das alles eine andere Wendung nehmen.
00:26:01: Oder ich weiß es nicht.
00:26:02: Würdest du sagen, Berlin ist noch die Stadt, in die junge KünstlerInnen gehen können, um etwas auszuprobieren?
00:26:08: Oder ist das jetzt mit diesen Kürzungen auch?
00:26:10: Also stirbt das?
00:26:11: Ich finde es immer noch besser wie woanders.
00:26:13: Also wenn ich mal in anderen Städten bin, bin ich total froh, wenn ich wieder in Berlin bin.
00:26:17: Einfach auch so wegen der Atmosphäre.
00:26:20: Und ich habe mir das ja auch so ausgesucht.
00:26:21: Ich denke, ich würde nicht mehr nach Berlin gehen, wenn ich jetzt jung wäre oder so.
00:26:26: Andere sagen, wo würde ich denn dann hingehen?
00:26:29: Und ich weiß es nicht.
00:26:31: Die Mieten sind genauso teuer wie woanders jetzt, nur dass man weniger verdient.
00:26:37: Merkt eine Stadt eigentlich, wenn ihre freie Szene stirbt?
00:26:40: Oder merkt sie das erst, wenn sie schon gestorben ist?
00:26:43: Ich glaube, sie werden es erst in ein paar Jahren merken.
00:26:45: Und ich hatte auch schon Interviews mit Zeitungen aus der Schweiz oder so.
00:26:49: Und da meinte die Interviewerin, Berlin hat doch so viel.
00:26:54: Das merkt man doch gar nicht, wenn da was fehlt.
00:26:57: Und das merkt man eben doch.
00:26:59: Also zum Beispiel, ich gehe ja nicht mehr aus, wie ich gerade erzählt habe.
00:27:02: Aber zum Beispiel das Ausgehen ist nicht mehr so interessant wie früher.
00:27:06: Ich weiß, dass ich früher, da hatte ich ja ständig Besuch von irgendwelchen Neffen,
00:27:11: Nichten, Leuten aus anderen Städten.
00:27:14: Die wollten unbedingt mal das verrückte Ausgeheleben halt mal ein Wochenende kennenlernen.
00:27:19: Das ist jetzt auch nicht mehr toller wie woanders.
00:27:23: Und das ist nur eine Sache.
00:27:25: Und wir haben leider sehr schlechte Regierungen immer.
00:27:29: Und die halt an Berlin, an das, was Berlin ausmacht, dass hier so viel los ist, so viel geboten wird,
00:27:35: dass du jeden Tag drei interessante Sachen anschauen kannst.
00:27:40: Also nicht nur im Theater, sondern in allen Genres.
00:27:44: Wenn es ausgedünnt wird, dann ist es halt vorbei.
00:27:48: Aber das sehen die nicht.
00:27:51: Berliner Politiker haben auch kein Verständnis und kein Herz für ihre Kultur, für das, was die Stadt ausmacht.
00:27:58: Jetzt gibt es aber ja immer noch, also in der kommunal geförderten Theaterszene, also relativ gut ausgestattete Theaterhäuser.
00:28:09: Also auch in Berlin, die noch okay finanziert sind oder sogar gut finanziert sind, auch im Vergleich zu anderen Häusern.
00:28:15: Und dann gibt es eben die freie Szene, in der ja um vergleichsweise kleine Beträge gekämpft wird.
00:28:21: Und würdest du sagen, wir brauchen eigentlich weniger Institutionen und mehr freie Förderung?
00:28:25: Oder ist dieses Verhältnis eigentlich noch zu rechtfertigen?
00:28:27: Also jetzt auch in Bezug auf Berlin vor allem.
00:28:30: Ich finde die freie Förderung schon gut.
00:28:32: Es wird halt immer so getan, als ob gespart werden muss.
00:28:35: Und wenn wir da was mehr geben, dann müssen wir woanders was nehmen.
00:28:40: In Berlin wurde auch der Volksbühne und dem Gorki noch mehr weggekürzt.
00:28:45: Und alle jammern natürlich.
00:28:48: Wäre wahrscheinlich auch fatal, die Institutionen und die freie Szene jetzt gegeneinander auszuspielen.
00:28:53: Ja, das meine ich.
00:28:54: Das wäre auch, dass wir nicht gegeneinander ausspielen.
00:28:57: Liebe Christiane, dann würde ich noch, bevor ich dich nach einer aktuellen Theaterempfehlung fragen würde,
00:29:03: noch ein letztes Spiel mit dir spielen.
00:29:06: Ja, Spiele finde ich immer gut.
00:29:08: Wer nicht.
00:29:09: Das Spiel heißt Klischee oder Wahrheit.
00:29:10: Ich konfrontiere dich mit einer These und du sagst, ob du das für ein Klischee oder für eine Wahrheit hältst.
00:29:16: Ja.
00:29:16: Los geht's.
00:29:19: Erste These.
00:29:20: Im Alter wird man gelassener.
00:29:22: Wahrheit.
00:29:23: Junge KünstlerInnen werden überschätzt.
00:29:26: Klischee.
00:29:27: Erfahrung wird in der Kultur schlechter bezahlt als Jugend.
00:29:31: Klischee.
00:29:32: Im Theater zählt Alter weniger als in der Musik.
00:29:35: Klischee.
00:29:36: Oh.
00:29:37: Die freie Szene ist frei, außer finanziell.
00:29:44: Unentschieden.
00:29:44: Unentschieden.
00:29:45: Wer Förderanträge gut schreiben kann, macht noch lange keine gute Kunst.
00:29:50: Wahrheit.
00:29:52: Berlin lebt von KünstlerInnen, die sich Berlin eigentlich nicht mehr leisten können.
00:29:57: Wahrheit.
00:29:58: Kulturpolitik versteht wenig von Kunst.
00:30:01: Wahrheit.
00:30:02: Frauen dürfen interessant altern, aber nicht sichtbar.
00:30:06: Das ist eine Wahrheit, aber gleichzeitig kann man auch dagegen angehen.
00:30:12: Gut.
00:30:14: Mit 60 ist Scheitern weniger schlimm als mit 30.
00:30:18: Klischee.
00:30:19: Geld verdirbt die Kunst.
00:30:22: Klischee.
00:30:23: Voll.
00:30:24: Sehe ich auch so.
00:30:26: Wer von seiner Kunst leben kann, hat auch Glück gehabt.
00:30:30: Wahrheit.
00:30:30: Institutionen brauchen die freie Szene mehr als umgekehrt.
00:30:35: Wahrheit.
00:30:35: Jetzt würde ich dich noch einmal um eine persönliche Theaterempfehlung bitten.
00:30:41: Aktuell.
00:30:42: Oder vielleicht auch, auf was du dich freust.
00:30:44: Also ich freue mich auf die Eröffnung von der Volksbühne und von dem Prater.
00:30:51: Das ist die kleine Spielstätte, die, glaube ich, zehn Jahre lang umgebaut wurde.
00:30:56: Und da hatte ich vor 20 Jahren zum ersten Mal eine Begegnung mit dem Theater auch, weil René
00:31:02: Pollesch mal meine Band eingeladen hat.
00:31:06: Und da haben Irm Hermann und Volker Spengler mitgespielt.
00:31:11: Die beide nicht mehr leben leider.
00:31:13: Und da wird der Roman Die Perfektionen inszeniert.
00:31:18: Und das ist so interessant, weil Die Perfektionen, das ist von einem italienischen Schriftsteller, dessen
00:31:25: Namen ich jetzt nicht auswendig kann.
00:31:28: Aber der spielt so in Berlin der Zehnerjahre, 2010.
00:31:34: Und das sind eben diese jungen Leute, die damals aus dem europäischen Ausland nach Berlin
00:31:39: gekommen sind.
00:31:40: Und wir, ich war ja schon lange hier.
00:31:42: Und es erzählt es so aus der anderen Warte eben.
00:31:47: Und wie sich für ihn Berlin abgenutzt hat.
00:31:50: Und das wird inszeniert von Anta Recke.
00:31:54: Da bin ich sehr gespannt drauf.
00:31:56: Also auf den renovierten Prater und auf das Stück.
00:32:00: Ja, da freue ich mich drauf.
00:32:01: Das ist Anfang Oktober.
00:32:02: An dieser Stelle sage ich auch, auf was ich mich am Theater bald freue in Bezug auf Christiane
00:32:08: Rösinger.
00:32:08: Denn Christiane Rösinger wird fürs Theater Ulm ein neues Stück schreiben.
00:32:12: Die Ehebrecherinnen.
00:32:13: Sie schreibt es gerade.
00:32:14: Sie schreibt es gerade.
00:32:16: Die Ehebrecherinnen.
00:32:17: Und ich habe die große Ehre, das selbst inszenieren zu dürfen.
00:32:19: Und Premiere ist am 16.01.2027 am Theater Ulm.
00:32:24: Vielen Dank, liebe Christiane, dass du zu Gast bei meinem Podcast warst.
00:32:27: Danke, dass du mich eingeladen hast.
00:32:29: Theaterfrauen.
00:32:33: Ein Podcast mit Greta Călinescu.
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